Biometrisches Proctoring bei Online-Prüfungen unzulässig
Das Thüringer Oberlandesgericht hat in einem aktuellen Urteil die Nutzung biometriebasierter Proctoring-Systeme für Online-Prüfungen für rechtswidrig erklärt (Az. 3 U 885/24). Die Entscheidung betrifft Prüfungsplattformen, die während digitaler Klausuren mittels Gesichtserkennungssoftware Identität und Verhalten der Studierenden überwachen. Nach Auffassung des Gerichts stellt dieser Eingriff eine unzulässige Verarbeitung besonders schützenswerter personenbezogener Daten im Sinne des Art. 9 DS-GVO dar.
Kernaussagen des Gerichts
Die Richter betonen, dass für die Verarbeitung biometrischer Merkmale eine ausdrückliche und vor allem freiwillige Einwilligung erforderlich ist. Im zugrunde liegenden Fall verneinten sie diese Freiwilligkeit: Die Studentin hatte keine echte Wahl, da ihre Teilnahme an einer solchen Prüfung Voraussetzung für den Studienfortschritt war. Eine „Einwilligung unter Druck“ erfülle aber nicht die Anforderungen der DS-GVO.
Zudem beanstandete das Gericht die technische Ausgestaltung der verwendeten Software. Die Lösung übermittelte biometrische und weitere personenbezogene Daten an einen externen Cloud-Anbieter. Diese Auslagerung erhöhe nicht nur die Risiken für Betroffene, sondern verschärfe die ohnehin hohen Anforderungen an Datensicherheit, Zweckbindung und Transparenz. In der Gesamtbetrachtung seien die mit dem Proctoring verbundenen Eingriffe unverhältnismäßig.
Die Klägerin erhielt einen immateriellen Schadensersatz, weil die Überwachungssituation zu erheblichen Belastungen und einem Eingriff in ihre Grundrechte geführt hatte.
Relevanz für Hochschulen und Verantwortliche
Die Entscheidung setzt Maßstäbe für den Umgang mit digitaler Prüfungsaufsicht. Bildungseinrichtungen müssen künftig nachweisen, dass eingesetzte Verfahren ohne biometrische Merkmale auskommen oder auf datenschutzfreundlichere Prüfungsformate umstellen. In Betracht kommen insbesondere offene Prüfungsformen, alternative Identitätsnachweise oder menschliche Videobetreuung ohne automatisierte Auswertung.
Für Verantwortliche ergibt sich daraus eine klare Leitlinie: Systeme zur Online-Prüfungsaufsicht sind strengen Maßstäben zu unterziehen. In der Regel wird der Einsatz biometrischer Funktionen mangels Rechtsgrundlage unzulässig sein. Verantwortliche sollten bestehende Verfahren kurzfristig überprüfen und risikoreiche Lösungen durch datenschutzkonforme Alternativen ersetzen.
(Foto: Thanaporn – stock.adobe.com)
Letztes Update:06.12.25
Das könnte Sie auch interessieren
-
Gutachten: Datenschutz‑Defizite bei PayPal
Ein aktuelles Gutachten des Netzwerks Datenschutzexpertise kritisiert die DS-GVO‑Praxis von PayPal. Demnach erhebt und verarbeitet der Zahlungsdienstleister weit über die reine Zahlungsabwicklung hinausgehende Daten – darunter Transaktions-, Identifikations-, Geräte- und abgeleitete Profildaten – auch für Werbe- und Marketingzwecke. Sensible Daten werden teilweise ohne hinreichende Schutzmaßnahmen verarbeitet. Zentrale Schwachstellen betreffen Transparenz und Einwilligung: Nutzer werden unzureichend
Mehr erfahren -
BSI‑Analyse: Sicherheitslage bei Passwortmanagern
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat im Rahmen einer IT‑Sicherheitsanalyse auf dem digitalen Verbrauchermarkt die Sicherheitsaspekte gängiger Passwortmanager untersucht. Der Bericht basiert auf einer Bewertung von zehn verbreiteten Produkten verschiedener Typen (inkl. browserbasierter Lösungen, Apps und Open‑Source‑Varianten). Ziel ist es, Chancen und Risiken dieser zentralen Tools zur Passwortverwaltung praxisnah aufzuzeigen. Wesentliche Befunde
Mehr erfahren -
BSI-Bewertung zur Sicherheit von E-Mail-Programmen
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat jüngst im Rahmen seines Digitalen Verbraucherschutz-Berichts (DVS) eine Untersuchung zur Sicherheit gängiger E-Mail-Programme veröffentlicht. Der Report beleuchtet, inwiefern etablierte Clients und Softwarelösungen zentrale Sicherheits- und Datenschutzanforderungen erfüllen, insbesondere im Hinblick auf Verschlüsselung, Authentifizierung und Schadsoftware-Abwehr. Kernpunkte der Analyse Ergebnisse und Einordnung Die vorläufige Bewertung des BSI
Mehr erfahren

